Zusammenarbeit gestalten

Wer psychisch erkrankt, braucht eine Reihe von Menschen, die ihn dabei unterstützen wieder gesund zu werden – wenn hierbei alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, lässt sich dieses gemeinsame Ziel besser erreichen. Sinnvoll ist es, sich nach und nach ein funktionierendes Behandlungs- und Unterstützungsnetz aufzubauen, das Sie auch in schweren Tagen auffängt. Hierzu gehören professionelle Helfer wie Ärzte, Pflegepersonal, Berater und Psychotherapeuten – grundsätzlich all die Menschen, denen Sie vertrauen und bei denen Sie sich geborgen fühlen.

Bitten Sie vor allem Ihre Familie, Freunde und Nachbarn, Sie z. B. in Alltagsdingen (etwa Haushaltsführung, Gartenarbeit, Abholen der Kinder aus der Schule) zu unterstützen. Vermutlich wird diese Zusammenarbeit nicht immer konfliktfrei verlaufen: Unterschiedliche und unklare Erwartungen können zu Missverständnissen, Streit und Enttäuschungen führen. Macht man sich diese gegensätzlichen Wahrnehmungen und „Wirklichkeiten“ erst einmal bewusst, ist bereits ein großer Schritt getan.

 

Auch die Seele braucht Pflege

Eigeninitiative

Jeder Mensch ist eine einzigartige Persönlichkeit mit vielen Möglichkeiten, um einen guten Umgang mit der psychischen Erkrankung zu finden. Es ist hilfreich

  • immer wieder mit anderen Menschen über Ihre eigenen Wahrnehmungen und Ängste zu sprechen
  • zu wissen, dass Gefühle, auch Trauer und Schmerz, sich tatsächlich verändern, auch wenn es lange braucht
  • eigene Kräfte und Stärken wieder zu spüren
  • in kleinen Schritten voran zu gehen
  • zu erleben, dass die Dinge sich oft ganz anders entwickeln
  • Fehler zu machen und zu akzeptieren, dass auch mal was schiefgeht
  • zu sich selbst zu stehen und Vertrauen zu entwickeln
  • vom Denken ins Handeln zu kommen.

Es ist empirisch belegt, dass das Entwickeln von aktiven Bewältigungsstrategien das Ausmaß an Hilflosigkeit entscheidend verringert. Auch ist es sinnvoll zu klären, wen Sie um was bitten könnten. Mit einer vorsichtigen Anfrage machen Sie nichts falsch. Je größer das Netz Ihrer Beziehungen ist, umso mehr können Sie wählen, welche Person für welche Bedürfnisse geeignet ist. Es ist nicht günstig und nicht möglich, nur von einer Person alle Zuwendung zu erwarten. In und nach Krankheitszeiten sind wir häufig sehr empfindlich und reagieren auf kleinste Anzeichen, die Ablehnung bedeuten könnten. Sprechen Sie die Unsicherheiten und Zweifel dem Anderen gegenüber aus. Versuchen Sie eventuelle Abgrenzungen des anderen als die ihm derzeit möglichen Reaktionen zu sehen. In der Regel lehnt Ihr Gegenüber Sie nicht ab, sondern fühlt sich überfordert. Aber nur, wenn wir wagen, uns anderen auch einmal zuzumuten, kann der andere erfahren, dass er für Sie hilfreich und wichtig ist.

Sie und Ihre Angehörigen

Eine psychische Erkrankung löst bei Betroffenen und Angehörigen häufig große Angst aus. So entsteht eine zusätzlich belastende Situation, die sich lösen kann, wenn alle Beteiligten sich dies eingestehen. Ein offenes Gespräch kann hier oft die Lage schon erheblich entspannen. Manche Angehörige werden Ihnen Verbundenheit und Anteilnahme dadurch zeigen wollen, dass sie Informationen und Ratschläge bereithalten. Welche Hinweise hilfreich sind, sollten letztlich Sie allein bestimmen – als Experte Ihrer selbst!

Ein möglichst aufrichtiger Umgang mit der Erkrankung und den damit verbundenen Belastungen kann am besten in einem gemeinsamen Gespräch zwischen Ihnen, Ihren Angehörigen und dem Fachpersonal gefunden werden. Bitten Sie Ihre Behandler bei Bedarf deutlich um ein gemeinsames Gespräch mit Ihren Angehörigen.

Im Gespräch mit Behandlern

Die beste Grundlage einer funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient sind gegenseitiges Vertrauen und eine gute Gesprächskultur. Sollten Sie sich bei Ihrem Arzt nicht gut aufgehoben bzw. unzureichend respektiert und beraten fühlen, ist es ratsam sich einen Arzt zu suchen, mit dem die „Chemie“ besser stimmt.

Ebenso gilt: Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter etc. sind für Sie da, d. h. ihre Arbeit ist eine Dienstleistung. Die Fachleute können Ihnen erklären, was sie über die betreffende Krankheit wissen und welche Bewältigungsstrategien Erfolg versprechend sind, welche Kliniken und Institutionen Ihnen psychosoziale Unterstützung oder familiäre Hilfen anbieten können. Es ist Ihr gutes Recht, diese Dienstleistung einzufordern!

Beachten Sie aber, dass für die Behandler Krankheiten und Symptome sozusagen Alltag sind. Der Umgang mit einer Krise kann dadurch etwas zu selbstverständlich sein, während die Betroffenen und Angehörigen sich plötzlich vor eine neue, bedrohliche Situation gestellt sehen oder einfach noch unter Schock stehen. Ein Hierarchiegefälle zwischen Arzt und Patient und eine häufig unverständliche Fachsprache können dazu führen, dass Sie dem Behandler eingeschüchtert gegenübersitzen.

Es sollte keine Entscheidung ohne Ihr Einverständnis getroffen werden. Deshalb ist es wichtig, dass Sie dem Professionellen Ihre Wahrnehmungen und Wünsche, aber auch Ihren Ärger und Ihre Enttäuschungen klar und ruhig mitteilen. Haben Sie Mut, das deutlich auszusprechen! Sie haben das Recht, eine zweite Meinung von einem anderen Arzt einzuholen bzw. alles auszuprobieren, was Ihnen bei der Bewältigung Ihrer Erkrankung hilfreich erscheint, z. B. Selbsthilfe oder alternative Heilmethoden. 

Leben mit der Erkrankung

Wenn sich die Krankheit wider Erwarten nur wenig beeinflussen lässt, stehen Sie vor einer besonderen Herausforderung. In dieser Situation ist der Austausch mit allen Beteiligten besonders wichtig, um sich nochmals über die (vielleicht geänderten) Behandlungsziele zu verständigen. Haben Sie Zutrauen in das Können der Ärzte, auch wenn sich Ihre Erkrankung nicht so schnell bessert! Wichtig ist, dass Sie Gefühle, Zustände und Gegebenheiten wahrnehmen und darauf achten, was zu kleinen positiven Veränderungen führt. Diese können dann Schritt für Schritt ausgebaut werden.

In der Zeit der Erkrankung merken wir oft mit Erstaunen und Unsicherheit, dass sich Beziehungen, Nähe- und Distanzbedürfnisse und Gefühle zu den uns bekannten Menschen stark verändern. Einerseits brauchen wir die anderen sehr, gleichzeitig schwanken wir in unseren Gefühlen. Durch die größere Empfindlichkeit verändern wir uns und damit auch die Art unserer Beziehungen. Alle diese Gedanken, Gefühle, Veränderungen und Erlebnisse sind normal, kommen und gehen und werden mit der Zeit weniger intensiv und bedrohlich.

Vertreten Sie in Ihrem unmittelbaren Umfeld Ihre Wünsche und Bedürfnisse mit klaren Worten. Es wird Ihnen mit der Zeit leichter fallen, Ihren professionellen Helfern und allen Beteiligten zu sagen, was Ihre Vorstellungen und Erwartungen sind und was Sie von wem gerne annehmen möchten. So entstehen eine gute Zusammenarbeit und tragfähige Beziehungen, durch die Sie auch schwierige Situationen erfolgreich bewältigen können. Wir helfen uns selbst und anderen, wenn wir uns Zeit lassen.

Hinweise zur Gesprächsführung mit Therapeuten und Ärzten

Was Sie vor einem Gespräch tun können:

  • Schreiben Sie Ihre wichtigsten Fragen auf, damit Sie verständliche und ausreichende Informationen erhalten.
  • Notieren Sie gegebenenfalls Ihre Beschwerden, wann diese genau angefangen haben, was Ihnen Linderung und Entlastung bringt, etc.
  • Nehmen Sie gegebenenfalls eine Vertrauensperson zu dem Gespräch mit.

Was Sie während eines Gesprächs beachten können:

  • Gehen Sie nach Ihrer Frageliste vor.
  • Schreiben Sie die Antworten mit.
  • Hören Sie gut zu. Achten Sie darauf, dass Sie alles verstehen und fragen Sie andernfalls konsequent nach.
  • Versuchen Sie, mit eigenen Worten zusammenzufassen, was Sie verstanden haben. Damit können Sie Missverständnisse vermeiden.
  • Bitten Sie um Adressen oder weiteres Informationsmaterial, wenn Sie zu Hause in Ruhe noch etwas nachlesen wollen.
  • Erbitten Sie bei wichtigen Entscheidungen Bedenkzeit.

 

Bei so einem Gespräch haben Sie ein Recht auf Schutz Ihrer Privatsphäre. Es sollte sichergestellt sein, dass für wichtige Fragen ein passender Rahmen geschaffen wird. Sie sollten nicht durch andere Personen oder das Telefon unterbrochen werden. Jede Aufklärung sollte generell durch den Arzt oder den Therapeuten in einem persönlichen Gespräch erfolgen. Und legen Sie nicht jedes Wort des Arztes oder der Therapeutin auf die Goldwaage – auch Professionelle sind selbstverständlich mitunter übermüdet, gestresst oder schlecht gelaunt.